Krankheitstage und eine Politik des Misstrauens

Der Deutsche ist faul und zu oft krank – so zumindest das Narrativ des Kanzlers. Dabei lässt sich er von Zahlen, Fakten und Experten nicht abbringen. Acht Gründe, warum die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag ein Eigentor ist, das ein Gesundheitssystem am Limit näher an den Abgrund bringt.

Eine kranke / schlafende Frau, die im Bett liegt und das Kissen halb über ihr Gesicht gezogen hat und eine Brille in der Hand trägt

Die deutsche Wirtschaft schwächelt. Wachstumsprognosen müssen herunterkorrigiert werden, das Versprechen des Aufschwungs unter der großen Koalition bröckelt und damit das zentrale Leitmotiv des CDU-Wahlkampfes. Dieser inszenierte Friedrich Merz als knallharten Top-Manager, der Deutschland wie ein Unternehmen zurück in die Wirtschaftlichkeit führt. Ein Anpacker. Ein harter Hund. Ein Sanierer!

Und wie er anpackt und saniert! Nur leider mit durchwachsenem Erfolg. Denn dieses Selbstbild lässt sich mit der aktuellen Wirtschaftslage nicht vereinbaren. Den Grund für den ausbleibenden Boom hat Merz schnell gefunden: Der deutsche Arbeitnehmer ist zu faul. Nein, nicht die marode Infrastruktur, nicht der innovationsfeindliche Bürokratieapparat und erst recht nicht die Industrien, die knöchern am 'weiter so' festhalten, während man in Zukunftsmärkten immer mehr Land an China verliert.

Deutsche arbeiten zu wenig. Da ist von "Lifestyle-Teilzeit" die Rede, da soll das Arbeitszeitgesetz gelockert werden und da muss die Lebensarbeitszeit erhöht werden. Rente mit 70, Baby! Denn dass die Produktivität durch Spezialisierung und Automatisierung seit den 1960ern rasant gestiegen ist, kann man ja wohl nur schwer zur Entlastung derjenigen einsetzen, die sie erzielen!

Kürzlich hat Friedrich Merz ein neues Problemfeld er– … äh … gefunden: Deutsche sind zu oft krank – damit verlieren wir die Wettbewerbsfähigkeit. Zwar liegen wir mit 3,6 Krankheitswochen im europäischen Durchschnitt, aber was interessieren denn schon Zahlen, wenn es Meinungen gibt!

Die Lösung? Sanieren wir das marode Gesundheitssystem? Investieren wir in Krankheitsprävention? Medizinische Forschung? Reduzieren wir die Wochenarbeitszeit, was nachweislich zu geringeren Krankheitstagen führt? Blödsinn! Wir führen eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag ein! Karenztage? Unfug!

Das kommt jedem, der nicht Zeit seines Lebens privatversichert war und Arbeit nur auf dem Papier kennt, natürlich wie eine saublöde Idee vor. Von der Realität hat sich Friedrich Merz in seiner Politik aber nie beirren lassen. Hier acht (!) Gründe, warum der Vorschlag totaler Unfug ist:

1. Es gibt kein (neues) Problem

Merz spricht von einem "exorbitanten Anstieg" an Krankheitstagen – und tatsächlich sehen wir ab 2022, dass sich das Niveau der Krankheitstage von rd. 11 auf 15 Krankheitstage deutlich erhöht. Was er verschweigt, ist das 'Warum':

Der Anstieg gegenüber 2021 (+3,6 Krankheitstage) dürfte unter anderem auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung seit 1.1.2022 zurückzuführen sein. Diese führt zu einer vollständigeren Erfassung der Arbeitsunfähigkeit, da vor allem kurze Arbeitsunfähigkeiten häufiger an die Krankenkasse gemeldet wurden.
Statistisches Bundesamt

Die Deutschen sind also nicht mehr krank, die Krankmeldung wird nur eher statistisch erfasst. Könnte man einsortieren, aber hier scheint man sich im Gegenzug zum geschenkten Fußballtrikot ein wenig an Trumps Politikstil bedient zu haben.

Statt die Ursache des Krankenstandes anzugehen (psychischer Druck, überalterte Belegschaft, Infektionswellen, schlechte fachärztliche Versorgung, Zwei-Klassen-Medizin), wird ein Symptom behandelt – und das auch noch falsch.

2. Es ist unnötig

Fallen Karenztage weg – und die telefonische Krankschreibung gleich mit – bedeutet das: Bei jeder Erkältung, jeder Migräne, jedem verdorbenen Magen ab zum Doktor. Auch und gerade bei Volkskrankheiten, bei denen die Therapie unabhängig vom Praxisbesuch gleich aussieht: Bettruhe, viel Schlaf, vielleicht Schmerzmittel. Hausärzte werden nun primär dafür bezahlt, den Satz "Legen Sie sich hin, schlafen Sie viel, trinken Sie viel und wenn es schlimmer wird, kommen Sie wieder." hundert Mal am Tag abzuspulen.

Damit wird die Arztpraxis zum Durchlauferhitzer für Krankheiten, die weder Diagnose noch Therapie benötigen.[1]

Eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung kommt zu dem Schluss, dass fernmündliche Krankschreibungen gar nicht ursächlich für den Anstieg des Krankenstandes sind.

3. Es überlastet die Hausärzte

Das sprengt die Kapazitäten der ohnehin schon stark belasteten Hausarztpraxen. Vielerorts nehmen sie gar keine neuen Patienten mehr an, um ihren Bestandspatienten zumindest einigermaßen gerecht zu werden.

Gerade in ländlichen Gebieten ist die medizinische Versorgung so lückenhaft, dass ein Praxisbesuch einer kleinen Odyssee gleicht. Auf einen Hausarzt oder eine Hausärztin kommen im Schnitt 1.264 Einwohner. In ländlichen Regionen ist dieser Wert ungemein höher und steht gerade in der Zukunft vor großen Herausforderungen, da Landärzte Probleme haben, eine Nachfolge zu finden.

Damit bringt man ein ohnehin schon zum Zerreißen gespanntes Gesundheitssystem ohne Not über seine Kapazitätsgrenze.

4. Es ist gefährlich

Spätestens seit der Pandemie sollte der Groschen gefallen sein, dass man Infektionskrankheiten am besten dadurch eindämmt, zu Hause zu bleiben. Das hilft nicht nur immungeschwächten Menschen, sondern verhindert auch eine weitere Verbreitung der Krankheit und entlastet Arztpraxen somit doppelt.

Eine Attestpflicht ab dem ersten Tag zwingt auch diejenigen in die Praxis, die gar keine medizinische Unterstützung benötigen, wohl aber ansteckend sein könnten. Wie gut Atemmasken und Händewaschen von der breiten Öffentlichkeit konsequent umgesetzt wird, haben wir in der Pandemie erlebt. So schafft man durch den Arztbesuch eine ganze Reihe neuer Gelegenheiten, sich anzustecken.

Zusätzlich dazu haben Hausärzte nun weniger Ressourcen für Patienten, die aufgrund von komplexen oder schwerwiegenden Erkrankungen wirklich ihre Zeit und Ressourcen benötigen[2]. Damit schafft man ohne Grund ein Bürokratiemonstrum zu Lasten der gesundheitlich Schwächsten der Gesellschaft.

5. Es trifft psychisch Erkrankte doppelt

Ganz besonders schlimm erwischt es psychisch Erkrankte, für die der verpflichtende Arztbesuch aus zwei Gründen ein Hindernis darstellt:

Viele psychische Erkrankungen führen zu einer Antriebslosigkeit bis hin zur Lethargie, insbesondere in depressiven Phasen. Sich für einen Arztbesuch aufzuraffen, stellt für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen ein fast unüberwindbares Hindernis dar. Salopp: Es wird verlangt, genau das zu tun, wozu sie qua Krankheit nicht im Stande sind.

Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Hausärzte wenig Zeit und oft auch nicht die nötige Erfahrung mitbringen, sich auf derlei komplexe Krankheitsbilder einzulassen. Ein psychisch erkrankter Mensch zeigt mitunter keine körperlichen Symptome. Wenn eine Regierung Misstrauen sät und überall Arbeitsbetrug durch Krankschreibung wittert, wird das zunächst eben jene treffen, deren Diagnose nicht auf den ersten Blick so leicht zu stellen ist wie die eines grippalen Infekts oder eines gebrochenen Beins.

6. Es kann zu mehr Krankheitstagen führen

Bei jeder Krankheit stellt man sich nun die Frage: "Nehme ich den beschwerlichen, oft weiten Weg zum Arzt auf mich, setze mich in ein volles Wartezimmer und warte stundenlang, um im zweiminütigen Arztgespräch etwas zu hören, das ich ohnehin schon weiß, nur um einen gelben Schein zu bekommen?"

Diese Abwägung wird vermutlich zu einer kurzfristigen Reduktion von Krankheitstagen führen, denn oft ist es einfacher, doch zu arbeiten. Das nennt man Präsentismus. Allerdings können verschleppte Krankheiten – ob physisch oder psychisch – zu längeren Fehlzeiten führen. Die verschleppte Erkältung wird zur Lungenentzündung, die einen wochenlangen Ausfall mit sich führt. Ein nicht genommener 'Mental Health Day' bei Antriebslosigkeit und geistiger Erschöpfung wird zum monatelangen Burnout.

Zusätzlich zu den bereits angesprochenen Infektionsrisiken kann es hier nach einer initialen Verbesserung durchaus zu einer langfristigen Verschlechterung des Krankenstandes kommen.

Ein weiterer Effekt, der empirisch schwer festzustellen ist, aber sich zumindest aus der subjektiven Erfahrung in meinem Umkreis speist: Ärzte schreiben in der Regel länger krank, als man selbst von der Arbeit fernbleiben würde. Aus einem Mageninfekt, der nach ein bis zwei Tagen auskuriert wäre, wird eine ganze Woche attestierte Arbeitsunfähigkeit. Ob das in den Bereich Präsentismus fällt, weil eine solch lange Krankschreibung medizinisch begründet ist, bleibt von Fall zu Fall zu entscheiden. Den Krankenstand wird es nicht reduzieren.

7. Es schadet der Wirtschaft

Krank zur Arbeit zu gehen, ist aber doch für die Wirtschaft besser, als ganz zu Hause zu bleiben, oder? Nein! Denn Präsentismus (krank zur Arbeit) ist nachweislich wirtschaftsschädigender als Absentismus (im Bett bleiben). Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kommt zu dem Schluss, dass Präsentismus nicht nur "langfristig negative Folgen für die Gesundheit der Betroffenen" hat, sondern "auch beträchtliche Kosten für Unternehmen nach sich ziehen" kann.

Denn zusätzlich zu dem unter 6. angesprochenen Verschleppungsrisiko erzielen Arbeitnehmer krank üblicherweise keine Top-Leistung. Die Folge sind teure Fehler, Minderleistung und/oder Unfälle, die den Kranken und seine Umwelt unnötig gefährden und sich auch auf den Krankenstand auswirken könnten.

8. Es ist ein Bürokratiemonster

Die Union hat sich den Bürokratieabbau auf die Fahne geschrieben, so forderte zuletzt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann "Zutrauen statt regulieren!", was im Lichte dieses Vorschlages schon fast zynisch wirkt.

Eine Attestpflicht ab dem ersten Tag bewirkt jedoch das komplette Gegenteil und zwar für die von der CDU so hofierten Arbeitgeber selbst: Wenn Millionen Angestellte wegen jedem Schnupfen zum Arzt rennen, müssen die Personalabteilungen der Unternehmen via eAU-Verfahren bei den Krankenkassen astronomisch viele Einzelmeldungen abrufen, prüfen und verbuchen. Man schafft hier also nicht nur ein Bürokratiemonster für Ärzte, sondern flutet die Personalabteilungen von Unternehmen mit unnötiger Mehrarbeit.

Fazit: Misstrauen als Staatspolitik

Politische Systeme lassen sich auf einem Spektrum von 'Vertrauen' und 'Misstrauen' einordnen. Uneingeschränktes Vertrauen führt zur Anarchie; reines Misstrauen zu Autoritarismus. Beide Extreme sind nicht erstrebenswert. Es bleibt allerdings bemerkenswert, wie sehr die große Koalition die Skala Richtung 'Misstrauen' verschiebt.

Denn Kernbotschaft dieser Politik ist ganz klar die Unterstellung, Arbeitnehmer würden im großen Stil Arbeitszeitbetrug begehen. Deutsche sind faul und müssen zur Arbeit gezwungen werden. Wir vertrauen den Menschen nicht mehr, wenn sie sagen, sie sind krank – es muss Kontrolle ausgeübt werden. Wer ist jetzt die Verbotspartei, Markus Söder?

Das moderne Verständnis von Führung ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich Mitarbeitende frei entfalten können. Motivation lässt sich nicht extrinsisch erzeugen, sie entsteht intrinsisch. Wer schon einmal unter einem despotischem Chef gelitten hat, weiß, wie sehr sich das auf die Arbeitsmoral und schlussendlich auch auf die Leistung auswirkt. Der Staat nimmt nun diese Rolle für alle Arbeitnehmer ein.

Die eigentlichen Probleme Deutschlands sind weit tiefgreifender, struktureller und, ja, auch politischer. Die Streichung der Karenztage zeigt, dass kein Interesse besteht, diese anzupacken. Stattdessen befiehlt man der Bevölkerung, in einem knöchernen System, das zunehmend den internationalen Anschluss verliert, Mehrarbeit zu leisten. Es ist die Priorisierung des viel Arbeiten vor dem sinnvoll Arbeiten.

Wir kennen alle diesen einen Kollegen, der fleißig aber schlussendlich ineffizient ist: Der per Klick auf die Scrollleiste scrollt, der E-Mails ausdruckt und sie stundenlang sortiert. Friedrich Merz' Politik zwingt uns, genau dieser Mitarbeiter zu werden, denn es ist eine Politik, die Aktivität der Produktivität vorzieht.

Denn Produktivität gewinnt man durch diese Reform nicht: Sie ist anlasslos, unnötig, gefährlich, diskriminierend, bürokratisch, wirtschaftsschädigend und kann sogar noch kränker machen. Aber sie passt ins Muster einer Politik der Gängelung, in der wir wirtschaftlich wie sozial immer mehr vom Weg abkommen. Statt eine Kurskorrektur vorzunehmen, beschleunigen wir in die falsche Richtung. Dabei überfahren wir die gesundheitlich schwächsten unserer Bevölkerung.

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  1. Kurze Randnotiz: Ich habe mir vorige Woche den Magen verdorben. Ein Umstand, den mein Körper problemlos von selbst korrigiert, der aber eine gewisse Nähe zu Sanitäranlagen benötigt. Der Gang zum Arzt ist hier nicht nur unnötig, sondern auch mit gewissen hygienischen Risiken verbunden …↩︎
  2. Im europäischen Vergleich stehen wir hier übrigens ohnehin schon sehr schlecht dar.↩︎

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